Alt-Katholisch

 

Offene Kirche

Die Taufe verbindet uns.  Es ist Christus selbst, der uns um seinen Tisch versammelt und sich uns schenkt. Er lädt uns ein zum Mahl, zur Gemeinschaft mit ihm und in ihm. Deshalb fragen wir nicht nach der Konfessionszugehörigkeit.

Unsere Einladung geht 

an alle, die an Gott glauben,

- und an alle, die noch zweifeln;

an alle, die genau wissen, was sie wollen,

- und an alle, die noch suchen;

an alle, die Freundschaft kennen,

- und an alle, die noch einsam sind.

Wir haben Ökumene verwirklicht: mit der anglikanischen Kirche sind wir in einer Kirchengemeinschaft verbunden, mit den orthodoxen Kirchen sind wir in Glaubenseinheit verbunden, mit den evangelischen Christen sind wir durch eine gegenseitige Einladung zum Abendmahl verbunden.

Katholisch und zeitgemäß

„Katholisch“ heißt von der Grundbedeutung her „offen und weit“, „bezogen auf das Ganze“, „alle umfassend“, „alle einschließend“.

„Katholisch“ ist also nicht der Name für eine Konfession, sondern ein wesentliches Merkmal der Kirche Jesu Christi. Aus diesem Geist Jesu Christi sind wir katholische Kirche:

Wir halten fest am christlichen Glauben, wie er in der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes ebenso wie im apostolischen und im Glaubensbekenntnis von Nicäa bezeugt ist.

Wir sind eine Kirche, die in der Tradition der alten Kirche steht, jedoch frei ist von Vorschriften, die erst im Laufe der Jahrhunderte in die Kirche eingefügt wurden und weder im Neuen Testament noch in der alten Kirche eine Grundlage haben.

Wir sind eine zeitgemäße Kirche, die offen ist für jeden Menschen mit seinen Fragen, Zweifeln, Ideen und in der Menschen miteinander auf dem Weg sind, ihren Glauben zu finden und zu leben.

Ursprünglich und synodal

Das Wort „Alt“ in unserem Namen verweist auf die Kirche der ersten Jahrhunderte als der Kirche des Ursprungs. Auch wenn es in den ersten Jahrhunderten Entwicklungen und Veränderungen innerhalb der damals noch jungen Kirche gegeben hat, streben wir doch danach, den Ursprung der Kirche wieder sichtbar zu machen.

Wesentlich dabei sind der Wunsch und das Bestreben, Kirche in gemeinsamer Verantwortung aller zu gestalten und zu verwirklichen. Dies geschieht auf Ortsebene in der Gemeindeversammlung und auf Bistumsebene in der regelmäßig tagenden Synode, in der alle Geistlichen und Gemeinden miteinander beraten und entscheiden.

Unsere wichtigsten Merkmale sind:

Wir sagen Ja zum Evangelium Jesu als froher und befreiender Botschaft, zur Freiheit des Gewissens in Bindung an das Evangelium sowie zum Grundsatz „im Notwendigen Einheit, in Zweifelsfragen Freiheit, in allem die Liebe“.

Wir verstehen uns als Kirche mit offenem Herzen, in der auch diejenigen beheimatet sein können, die sich durch die Verletzungen in ihrer Lebensgeschichte oder durch ihre Lebensumstände diskriminiert und ausgegrenzt sehen.

Wir sind eine synodale Kirche: alle, die in einem Amt in der Kirche Verantwortung tragen, werden von allen gewählt.

Wir sind eine selbstständige, vom Papst unabhängige und sowohl staatlich wie ökumenisch anerkannte Kirche.

Wir vertrauen der Bereitschaft jedes Einzelnen zur Versöhnung und verzichten daher auf die Pflicht zur Ohrenbeichte.

Wir laden alle Getauften, die  mit uns glauben, dass Jesus gegenwärtig ist,  zum Abendmahl mit Brot und Wein ein.

Wir geben denen, deren Ehe gescheitert ist, eine Heimat und ermöglichen ihnen eine neue kirchliche Trauung.

Wir stehen für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein und weihen darum Frauen zu Priesterinnen.

Wir stellen unseren Geistlichen frei, ob sie ehelos bleiben oder heiraten möchten.

Geschichte

Unsere Entstehung geht zurück in das Jahr 1870, als beim I. Vatikanischen Konzil in Rom zwei neue Glaubenslehren beschlossen wurden, die jeder römisch-katholische Christ glauben muss:

1. Der Papst ist unfehlbar.

2. Der Papst hat unmittelbare Befehlsgewalt über alle Christen.

Viele katholische Christen hielten diese neuen Glaubenssätze für unvereinbar mit der Bibel, dem Glauben der alten Kirche und der kirchlichen Tradition, darunter auch über fünfzig Bischöfe. Sie waren der Überzeugung, dass die katholische Kirche nun neu-katholisch sei, weil sie Neues in den katholischen Glauben eingefügt hat und konnten diese Glaubenssätze nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.

Während sich die Bischöfe dem Papst unterwarfen, wurde jene, die dazu aus Gewissensüberzeugung nicht bereit waren, exkommuniziert.

Als Antwort auf diese neu-katholische Entwicklung der römisch-katholischen Kirche gründeten die Exkommunizierten „aus der Not heraus“ im Sinne einer Reformbewegung eigene katholische Gemeinden. So entstand - nicht nur in Deutschland - die Alt-Katholische Kirche.

Kirchwerdung

Die erste Erklärung war der Protest von Königswinter 1870, durch den über 1300 Laien die vatikanischen Beschlüsse als Neuerungen zurückwiesen. Es folgte die Nürnberger Erklärung mit der Bitte an jene Bischöfe, die zunächst ihre Zustimmung verweigert hatten, sich für ein neues Konzil einzusetzen. Schließlich wurde von über 300 Abgeordneten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und mit Gästen aus den orthodoxen, anglikanischen und protestantischen Kirchen sowie aus der Kirche von Utrecht beim Münchener Pfingst-Kongress 1871 das Münchener Programm angenommen, das die Grundsätze enthält, nach denen die alt-katholische Bewegung vorgehen wollte:

- Zeugnis geben für die Wahrheit der alten Kirche.

- Festhalten am Glauben und an der Verfassung der alten Kirche.

- Eine Reform der Kirche herbeiführen und sich für eine Wiedervereinigung mit der orthodoxen Kirche und eine Verständigung mit den bischöflichen und protestantischen Kirchen einzusetzen.

- Eine katholische Notkirche gründen, um weiterhin die Sakramente spenden und empfangen zu können.

Schon bald bildeten sich in Deutschland rund 100 Gemeinden und Alt-Katholiken-Vereine.  1873 wurde durch eine Versammlung von 21 Priestern und 56 Laien der Breslauer Theologieprofessor Joseph Hubert Reinkens zum ersten alt-katholischen Bischof Deutschlands gewählt. Am 11. August 1873 empfing er in Rotterdam durch den Bischof von Deventer die katholische Bischofsweihe.

Bereits am 19. August 1873 wurde er von der Regierung Preußens und später auch von den Regierungen Badens und Hessens als katholischer Bischof anerkannt und den anderen katholischen Bischöfen gleichgestellt. Sein bischöfliches Wirken stellte er unter das Leitwort:  „Was nicht aus Überzeugung geschieht, ist Sünde“ (Röm 14,23).

1874 trat in Bonn die erste alt-katholische Synode zusammen und beschloss die Synodal- und Gemeindeordnung.

Kirchengemeinschaft und Ökumene

1874/1875 kamen ebenfalls in Bonn Vertreter der orthodoxen, anglikanischen und protestantischen Kirchen und Vertreter der bereits seit 1723 von Rom getrennten Kirche von Utrecht unter Führung des Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger zu ersten ökumenischen Gesprächen zusammen. Dies führte 1889 zum Zusammenschluss der alt-katholischen Bischöfe der Niederlande, Deutschlands und der Schweiz zur Utrechter Union von Rom getrennter katholischer Kirchen.

In der Utrechter Erklärung heißt es: „Wir halten fest an dem, was immer, überall und von allen geglaubt worden ist; das ist wahrhaft und eigentlich katholisch. Wir halten darum fest an dem Glauben der alten Kirche, wie er in den ökumenischen Symbolen und in den allgemein anerkannten dogmatischen Entscheidungen der ökumenischen Synoden der ungeteilten Kirche des 1. Jahrtausends ausgesprochen ist.“

1931 folgte die Kirchengemeinschaft mit der anglikanischen Kirche und 1985 die Vereinbarung zur gegenseitigen Einladung zum Abendmahl mit den Evangelischen Kirchen in Deutschland.

1948 waren die alt-katholischen Kirchen Mitbegründer des Ökumenischen Rates der Kirchen, und in Deutschland gehört die alt-katholische Kirche zu den Mitbegründern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK).

 

Literatur:

alt-katholisch - zeitgemäß. Die Geschichte einer anderen katholischen Kirche. Norderstedt 2009. ISBN 978-3-8370-9212-7